Einst standen die Huftiere mit der seltsamen Nase kurz vor dem Aussterben. Dann wurden sie zu einem Paradebeispiel für erfolgreichen Artenschutz. Doch plötzlich sterben die Tiere wie die Fliegen; die Behörden spielen die Gefahr herunter.
Geschrieben und fotografiert für NZZ am Sonntag
Der Tod schwebt in der Luft, klebt an den Rändern der Pfützen und den
Reifen des Pick-up-Trucks, der in der Steppe im Westen Kasachstans
steht. «Pass auf, welche Luft du einatmest», sagt ein Mann mit beigem
T-Shirt, dunkler Hose und zieht eine Atemschutzmaske aus einer
schwarzen Tasche, die auf der Rückbank des Fahrzeugs liegt.
Vorsichtig nähert sich der Mann einem Tierkadaver, der im hohen Gras
liegt. Mit Gummihandschuhen öffnet er das Maul des Tieres, untersucht
die Hufe und seufzt. «Was hier passiert, ist grauenvoll», sagt er, geht
zurück zum Auto, zieht seine Handschuhe aus und schiebt die
Atemschutzmaske unters Kinn.
Der Mann mit den Handschuhen ist Steffen Zuther, Geoökologe und
einer der weltweit führenden Experten für das, was tot vor ihm im Gras
liegt: Saiga-Antilopen. Zuther ist aus Deutschland angereist, weil er die
Kälber der Huftiere mit ihren rüsselartigen Nasen untersuchen möchte.
Jedes Jahr im Mai, wenn die Blumen in der Steppe im Westen
Kasachstans blühen und das Gras hoch und grün ist, ziehen
Hunderttausende Saigas über die russische Grenze in die
Kalbungsgebiete und gebären ihren Nachwuchs. Dann kommt Steffen
Zuther, in seinem Gepäck die schwarze Tasche mit Massband,
Handwaage und Gummihandschuhen. Damit vermisst, wiegt und
markiert er die frisch geborenen Kälber.
Eigentlich.
Doch in diesem Jahr ist alles anders. Statt in einer blühenden Steppe
steht Zuther auf einem gigantischen Tierfriedhof. Aufgedunsene Saiga-
Kadaver mit eingefallenen Augen liegen neben toten Kälbern mit
schwarzer Haut, die aussieht wie verbranntes Leder. Kranke Tiere
humpeln durchs hohe Gras, brechen nach wenigen Metern zusammen
und bleiben kraftlos liegen. Die Luft riecht nach Verwesung, am Himmel
kreisen Steppenadler und Geier, die sich über die toten Tiere hermachen.
Was ist passiert in der Steppe Westkasachstans?
Nachdem Zuther seine Handschuhe und den Mundschutz im
Auto verstaut hat, fotografiert er das tote Tier und setzt eine Markierung
auf seinem GPS-Gerät. «Damit können wir später die ungefähre Dichte
der Kadaver messen», sagt er. Er geht wenige Meter weiter durchs Gras zur nächsten Antilope, die
aufgedunsen in der Mittagssonne liegt.
«Normalerweise springen hier Tausende Tiere durch die Steppe, du gehst
wie durch ein Meer aus Saigas.» Zuther deutet auf den Horizont, der hier
in der flachen Landschaft unendlich weit entfernt scheint.
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